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Italiens Rennsport in Nöten ?

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 BeitragVerfasst: Fr 26. Mai 2017, 21:57   
Rennleitung

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Beiträge: 1015
DIE DREI-KLASSEN-GESELLSCHAFT

Am kommenden Sonntag startet in Meran ein in München trainiertes Pferd im Besitz des Tirolers Kurt Fekonja. Das „Fekonja-Phänomen“ ist ein gutes Beispiel, um die Eigenheiten des italienischen Rennsystems anschaulich darzustellen. Sind in Italien alle Rennstallbesitzer gleich? Nein, einige sind etwas gleicher und wieder andere noch gleicher. Es gibt mindestens eine Drei-Klassen-Gesellschaft, und dazu noch Sonderfälle wie etwa Kurt Fekonja. Es ist derzeit so, dass ausländische Rennpferdbesitzer (also solche, die über keine Zulassung beim italienischen Galopper-Dachverband verfügen) länger auf die Rennpreise warten müssen als italienische Besitzer. Innerhalb der Inländer müssen die als Kapitalgesellschaft geführten Rennställe, die Rennpreis-Rechnungen mit Mehrwertsteuer fakturieren, deutlich länger warten als die Hobbybesitzer. Nach dieser Logik müsste der Österreicher Fekonja eigentlich zu denen gehören, die sich am längsten auf das Geld gedulden müssen. Tatsächlich gehört er jedoch zu denen, die am schnellsten bedient werden.

Der bullige Bauunternehmer mit dem markanten Tiroler Dialekt ist im Inntal am Eingang zum Zillertal ansässig und hat somit die Autobahn vor der Haustür. Nordwärts nach München-Riem oder südwärts nach Meran ist für ihn beides problemlos machbar, und so ist er seit Langem schon Besucher auf beiden Rennplätzen. Nicht nur das, sondern auch als Besitzer hatte er in beiden Trainingszentren schon Pferde im Training. In Riem betreut Sarah Steinberg aktuell mehrere Fekonja-Vollblüter. Die sollen auch künftig in Italien starten, denn weil Fekonja in Rom als italienischer Rennstallbesitzer registriert ist, bekommt er sein Geld auch so „schnell“ wie die Hobbybesitzer aus Turin oder Florenz. Nicht unbedingt ein Modell zum Nachahmen für Mario Hofers Besitzerkunden, aber es zeigt die Besonderheiten in Italiens Galopprennsport: A bisserl was geht immer.


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 BeitragVerfasst: Mi 31. Mai 2017, 17:57   
Rennleitung

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Geld per Mahnbescheid

Der italienische Turf ist um eine ungewöhnliche Facette reicher. Eine Erfahrung, die man sich im Lager des Rennsports gerne erspart hätte, aber es ging halt nicht anders. Eine in Mailand ansässige Lobbygruppe von Rennstallbesitzern der Galopper und Traber vermeldete jetzt stolz, dass es endlich gelungen sei, Geld vom Ministerium herauszupressen – mit diversen gerichtlichen Mahnbescheiden! Ja, so weit ist es inzwischen auf dem Stiefel gekommen. Bei diesem Geld handelt es sich aber nicht um gewonnenes Rennpreisgeld, sondern um die Teilnahmegebühren an Rennen des Jahres 2016. In der Vergangenheit war es bis zum letzten Jahr so, dass in Grupperennen für Nennungen, Streichungen bzw. Teilnahme substanzielle Gebühren bezahlt werden mussten. Im Italienischen Derby 2016 etwa musste Darius Racing für die Teilnahme von Isfahan eine Startgebühr in Höhe von 6.500 Euro überweisen.

Alle diese Gebühren kamen pro Rennen jeweils in einen Topf und müssen hinterher an die Besitzer der platzierten Pferde ausgeschüttet werden. Diese Gelder sind also quasi „Eigentum“ der jeweiligen Pferdebesitzer und müssen von der Rennsport-Administration treuhänderisch verwaltet werden (ähnlich wie die Mietkaution eines Wohnungsmieters). Würde dieses Geld von der Turfverwaltung stattdessen in die eigene Tasche gesteckt, wäre das strafrechtlich Untreue. Genau das scheint aber in Italien passiert zu sein. Was jetzt aufgrund der Mahnbescheide zurückgezahlt wurde, waren lediglich die Renngebühren für das Jahr 2016; für viele Jahre zuvor ist noch eine Menge unbezahlt. Ich vermute mal, dass die Besitzerkunden von Bolte, Hofer, Wöhler und Co. auch für 2016 noch nichts davon gesehen haben. Vielen deutschen Besitzern wird ja gar nicht bewusst sein, dass sie aus Unkenntnis eine Menge Geld liegen lassen, weil die Nenngeldregeln hierzulande eben anders sind. Deshalb sollten Besitzervereinigung und Direktorium ihre Kundschaft entsprechend informieren, damit die Besitzer ihre Forderungen in Rom anmelden können.


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 BeitragVerfasst: Mo 5. Jun 2017, 21:56   
Rennleitung

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In Paris beobachten die Dachverbände der Galopper und Traber sehr genau, was im Ausland passiert, und die Zahlen aus Italien besorgen die Franzosen außerordentlich. Im italienischen Pferderennsport zeigte sich in den Jahren 2007 bis 2016, also innerhalb eines Jahrzehnts, folgende Tendenz:
* Wettumsatz minus 83 %
* Rennpreise minus 58 %
* Anzahl Rennen minus 48 %
* Rennpferdgeburten minus 32 %

Eine wesentliche Ursache für die Misere in Deutschland, Frankreich und Italien ist dieselbe: Die Sportwetten graben den nicht mehr konkurrenzfähigen Pferdewetten zunehmend das Wasser ab. Selbst in der Buchmacherbranche wird deshalb schon umgesteuert. Pierre Hofer will mit Pferdewetten.de in das Sportwettbusiness expandieren. Verzweiflungstat oder umsichtige Unternehmenspolitik? Vielleicht etwas von Beidem.


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 BeitragVerfasst: Mo 5. Jun 2017, 22:35   
Rennleitung

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Beiträge: 162
..danke racingman für ihre tollen Insider Kenntnisse..
die ich mal einfach, auch aus Unkenntnis, bemerkenswert finde..
schon irre ist der niedergang in Italien..
und zb. anhand der guten, inzwischen internationalen top-Jockeys und Trainer (die bottis zb.), sieht man was dort für ein toller Rennsport statt fand..
einfach schade..


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 BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 10:26   
Rennleitung

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Beiträge: 488
interessant wären solche Vergleiche global betrachtet bzw. die Entwicklung der Zahlen in, ich nenne das mal so, der alten Welt (Westeuropa, Amerika) und der neuen Welt (Asien, Australien).


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 BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 12:21   
Rennleitung

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Beiträge: 1015
Zum Vergleich Italien/Hong Kong hier mal zwei Fakten: Beim gestrigen Renntag in München-Riem ohne hochdotiertes Hauptrennen gingen in einem Ausgleich IV von elf Teilnehmern fünf mit einem italienischen Jockey an den Start. So viel zum Niedergang auf dem Stiefel.

Als Kontrastprogramm die Zahlen aus Hong Kong: Im Jahre 2006 betrug der Wettumsatz dort umgerechnet 6,2 Mrd. Euro, aber im Jahre 2015 schon 12,5 Mrd. Euro. Innerhalb eines Jahrzehnts also eine Verdoppelung, während der Wettumsatz in Italien innerhalb eines Jahrzehnts um 83 % fiel. Das bemerkenswerteste Detail aus Hong Kong finde ich aber die Verlagerung der Wettumsatzverteilung von außen auf die Rennbahn. Im Jahre 2006 nur ein Anteil von 10 % in Happy Valley und Sha Tin, im Jahre 2015 dagegen schon 25 %. Erklären kann ich dieses Phänomen leider nicht, aber unser WEB als dortiger Chef könnte das bestimmt.


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 BeitragVerfasst: Di 6. Jun 2017, 13:23   
Rennleitung

Registriert: Mo 30. Mai 2011, 08:47
Beiträge: 488
WEB könnte das sicher nicht nur erklären, er hat ohne Zweifel auch einen großen Anteil an dieser Entwicklung.

Danke für die Zahlen.


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 BeitragVerfasst: Sa 17. Jun 2017, 19:01   
Rennleitung

Registriert: Mo 1. Nov 2010, 12:11
Beiträge: 1015
Zur Causa Mario Hofer ist noch nachzutragen, dass der Krefelder Trainer seinen sechsjährigen Hengst Diplomat wie schon im letzten Jahr nun auch im Mai 2017 in der Gruppeprüfung „Premio Presidente della Repubblica“ starten wollte, doch weil das Preisgeld aus selbigem Rennen vom Mai 2016 immer noch nicht eingegangen war, untersagte Besitzer Ecki Sauren den Ausflug nach Rom. Verständlich. Auch die Besitzer der Hofer-Pferde Hargeisa und Eskimo Point müssen sich wegen der Renngewinne 2016 in Mailand noch gedulden. Für italienische Besitzer scheint sich die Wartezeit derzeit so um die sechs Monate zu bewegen. Die Züchtervereinigung war gerade beim verantwortlichen Staatssekretär, um zu protestieren.


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 BeitragVerfasst: Sa 17. Jun 2017, 20:24   
Rennleitung

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http://www.galopponline.de/news/galopp- ... enprogramm


Das ganze Theater mit den ausstehenden Rennpreisen scheint aber nicht abschreckend zu wirken! :roll:


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 BeitragVerfasst: Sa 17. Jun 2017, 23:08   
Rennleitung

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Beiträge: 1653
Basalt hat geschrieben:
http://www.galopponline.de/news/galopp-news/vier-deutsche-starter-mailaender-rahmenprogramm


Das ganze Theater mit den ausstehenden Rennpreisen scheint aber nicht abschreckend zu wirken! :roll:



... ich wäre mit Moonshiner auch eher nach Frankreich als nach Mailand gegangen ...


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 BeitragVerfasst: So 18. Jun 2017, 16:49   
Rennleitung

Registriert: So 31. Okt 2010, 22:36
Beiträge: 1653
Die Reisen nach Mailand hätten sich alle sparen können .. selbst im Hauptrennen war Moonshiner ohne Chance :?
Vielleicht macht es Night Music ja besser


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 BeitragVerfasst: So 18. Jun 2017, 17:00   
Rennleitung

Registriert: Mo 1. Nov 2010, 00:08
Beiträge: 2229
Ein Gutes hat es: Keiner braucht ewig auf ausstehende Gelder warten! :lol: :lol:


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 BeitragVerfasst: Mo 22. Okt 2018, 17:30   
Rennleitung

Registriert: Mo 1. Nov 2010, 12:11
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STREIK!

Ab heute streiken die italienischen Pferderennbahnen bis auf Weiteres. Nicht alle, aber ungefähr die Hälfte (wenn man die Doppelrennbahnen jeweils zweifach zählt). Vor allem in der Mitte und im Süden des Landes wird gestreikt, während es im Norden etliche Streikbrecher gibt. Zu den Streikbrechern zählt mit Mailand auch die für deutsche Rennställe wichtigste Bahn.

Warum wird gestreikt? Weil die Rennbahnen für 2018 immer noch keinen Vertrag und damit kein Geld vom Ministerium bekommen haben. Mitte September war es fast soweit, da hatte der Landwirtschaftsminister der italienischen AfD die Gelder freigegeben, doch gleich danach haute der italienische Rechnungshof die Bremse rein. Auszahlung gestoppt. Seit Jahresbeginn (!) haben die italienischen Pferderennbahnen aus Rom kein Geld mehr für ihre Betriebskosten bekommen. Wovon bezahlen sie ihre Angestellten und Lieferanten? Da ist guter Rat teuer. Und deshalb hat man sich nun zum Streik entschlossen.

Vor allem im Feuer steht nun der „Super Sunday“ am 4. November in Rom mit fünf Grupperennen und einem Listenrennen: Der Premio Lydia Tesio (€ 407.000) ist das einzige verbliebene Gruppe 1-Rennen in Italien, dazu kommen der Premio Roma (€ 257.400), der Premio Ribot (€ 80.000), der Premio Berardelli (€ 77.000), der Premio Aloisi (€ 71.500) und der Premio Divino Amore (€ 42.900). Falls dieser Renntag dem Streik zum Opfer fiele, wäre das schon ziemlich katastrophal. Inoffiziell wird darum hinter den Kulissen überlegt, zumindest das Gruppe 1-Rennen nach Mailand zu verlegen. Es ist aber durchaus möglich, dass das Landwirtschaftsministerium vorher noch einknickt. Deutsche Rennställe müssen natürlich mit der Reiseplanung etwas Vorlauf haben, da könnte es eng werden. Wahrscheinlich wird es am 30. Oktober ein Treffen der Rennbahner mit dem Ministerium geben. Also wie immer in Italien: Alles ist möglich.

Wegen der hervorragenden Wirtschaftslage hierzulande machen sich viele Deutsche keine Vorstellung davon, wie ernst die Situation in Italien ist. Da der Pferderennsport dort vom Ministerium abhängt, schlagen die Probleme dort voll auf den Rennsport durch. Die Doppelrennbahn Rom zahlte bisher eine geradezu lächerliche Jahrespacht von nur 5.500 Euro, doch nun hat die Stadt Rom als Eigentümerin des Geländes richtig zugelangt und die Pacht auf 211.000 Euro raufgesetzt. Die Zukunft der Capannelle-Rennbahn steht deshalb in den Sternen.


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 BeitragVerfasst: Mo 22. Okt 2018, 17:52   
Rennleitung
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Registriert: So 31. Okt 2010, 22:29
Beiträge: 4955
Wohnort: Rheinprovinz/Preußen
Das sind die Früchte, wenn man die Existenzgrundlage des Rennsports mutwillig zerstört. Früher lebte man ähnlich wie in Dtld recht auskömmlich vom Toto. Diese Basis wurde den Wildwuchs der Sportwetten zerstört - und jetzt muß man eben die Probleme lösen, die man vor ein paar Jahren mutwillig geschaffen hat.

v. Blücher


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 BeitragVerfasst: Mo 22. Okt 2018, 22:47   
Rennleitung

Registriert: Mo 1. Nov 2010, 12:11
Beiträge: 1015
Schon wieder eine neue Entwicklung in Italien: Der Streik hat offenbar bereits am ersten Tag Wirkung gezeigt. Der Landwirtschaftsminister teilte heute Abend mit, dass nach einem Gespräch mit den Kontrollbehörden die Rennbahnbetreiber nun ihre Verträge für 2018 und damit auch ihr Geld bekommen. Auch die Rennpreise und Züchterprämien sollten nun zügig angewiesen werden. Eine Ankündigung der Rennbahnen zur Aufhebung des Streiks gibt es noch nicht, aber man kann wohl davon ausgehen, dass der Rennbetrieb bald weitergeht.


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